Was gibt´s hier zu sehen?

Die Probe könnte wesentlich mehr erzählen als die bloße Tatsache, dass sie stattfindet. Die Frage ist keineswegs, ob es hinter den Kulissen etwas zu sehen gibt, sondern ob das fotografische Auge dort etwas findet, das die Vorstellungskraft in Bewegung setzt, das mehr erzählt als das, was in einer bereits feststehenden Vorstellung erkennbar ist.  

Theoretisch sehen wir bei einer Probe etwas anderes als in der Aufführung: Musiker:innen  tragen Alltagskleidung, der Konzertsaal ist leer, die Musik befindet sich noch im Arbeitsprozess. Doch warum sollte uns das interessieren? Die entscheidende Lücke lässt sich deshalb in zwei Fragen fassen: „Worin liegt, fotografisch betrachtet, die Eigenart der Probe gegenüber der Aufführung?“ und „Was verändert sich dadurch, wenn ich Musiker:innen in Alltagskleidung sehe?“

Die erste Frage stellt sich, weil viele Probenbilder visuell kaum etwas anderes anbieten als Aufführungsfotografien: Ähnliche Blickwinkel, ähnliche Sitzordnungen, ähnliche Farben, ähnliche Gegenstände. Zwar kann man Musiker:innen während der Probe näher kommen als im Konzert. Aber (physische) Nähe allein erzeugt noch keine neue Aussage. Man kann unter den Flügel kriechen und den Dirigenten aus ungewohnter Perspektive fotografieren oder sich hinter den Bläsern positionieren - doch ändert das bereits etwas an der Bildbotschaft, dass ein Orchester tut, was ein Orchester unter Leitung eines Dirigenten eben tut?

Frage zwei führt uns zu der seltsamen Annahme, dass Nicht – Klassikfans davon ausgehen, dass Musiker:innen in Abendgarderobe proben.  

Und da die meisten Probenfotografien den Eindruck erwecken, beiläufig gemacht worden zu sein und man sich in Marketingabteilungen zweifellos Gedanken über die Wirkung von Fotografien macht, sollte man sich auch eine dritten Frage stellen, nämlich ob Beiläufigkeit tatsächlich zu mehr Wahrhaftigkeit führt.   

Tatsächlich scheint es, als gäbe es den Gedanken, dass ein hastig aufgenommenes Bild schon deshalb wahrhaftiger wirkt, weil es nicht nach Inszenierung aussieht. Als müsse man einem Foto nur die Formalität nehmen, damit sich eine Art Erkenntnis im Sinne einer neuen Betrachtungsweise von selbst einstellt. Doch das Beiläufige - etwa in Form eines Schnappschusses von Musiker:innen in Alltagskleidung - ist nicht das Gegenteil von Gestaltung, sondern eine andere Form von Gestaltung – im schlimmsten Fall die Gestaltung von visueller Belanglosigkeit.

 

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Genügt es, Proben zu fotografieren?

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Das „Eine kleine Nachtmusik“-Syndrom.