Das „Eine kleine Nachtmusik“-Syndrom

„Mozart schrieb sein erstes Stück mit fünf.“
„Bruckner ging stundenlang zu Fuß zu seinen Orgelstunden.“
„Schubert starb an einer Geschlechtskrankheit.“

Solche Geschichten funktionieren im Musikunterricht. Sie sind eingängig, docken je nach Altersstufe an die Lebensrealität der Jugendlichen an und erzeugen verlässlich Aufmerksamkeit. Ich weiß das aus eigener Erfahrung – ich habe einige Jahre Musik an einer Brennpunktschule unterrichtet.

Sobald ich, getrieben von der Sorge vor Überforderung, auf Altbekanntes wie Mozarts Eine kleine Nachtmusik zurückgriff, brach im Klassenzimmer augenblicklich akute Blasenschwäche aus. Begleitet von der plötzlichen Einsicht, dass die Mathe-Hausaufgaben unmöglich auf den Nachmittag verschoben werden könnten. Was war passiert? Das Stück war emotional längst einsortiert: Bekannt, abgehakt, uncool, nichts für mich.

Ganz anders verhielt es sich, wenn ich Musik wählte, die unbekannt, aber emotional unmittelbarer war – etwa Samuel Barbers Adagio for Strings oder Mahlers Adagietto. Indem ich mich selbst für alle sichtbar auf diese Musik einließ (das dürfen Sie sich selbst vorstellen), entstand, höflich formuliert, ein Moment der Irritation. Weniger höflich: Jetzt hat er den Verstand verloren. Und dann: Stille, Konzentration und ein ausreichendes Maß an Offenheit. Zumindest lang genug, damit das, was ich vermitteln wollte, eine Chance hatte, anzukommen.

Die entscheidende Erkenntnis war nicht musikalischer, sondern kommunikativer Natur: Es ist ein fundamentaler Trugschluss, dass man Menschen immer über das Bekannte abholen muss. Relevanz entsteht durch emotionale Unmittelbarkeit. Diese Erfahrung erklärt ziemlich genau, warum ich Probenfotografie als strategisches Kommunikationsinstrument verstehe und warum meine Bilder so aussehen, wie sie aussehen. Es geht einzig darum, einen ersten emotionalen Zugang zu schaffen – besonders für jene, die außerhalb der Klassik-Bubble stehen.

Mit Fotografie erreiche ich heute glücklicherweise mehr Menschen als in einem Klassenzimmer. Das Prinzip aber bleibt identisch: Man muss dort ansetzen, wo die Menschen stehen. Und zwar lange, bevor sie ein Programmheft aufschlagen oder eine Eintrittskarte kaufen. Das erfordert Mut.

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Dürfen Orchesterproben schön sein?

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Mit Umberto Eco in der Orchesterprobe: Fotografieren wie Baudolino.