Dürfen Orchesterproben schön sein?
„There is no beauty without
some strangeness.“
Francis Bacon
„There is a crack in everything,
that’s how the light gets in.“
Leonard Cohen
Natürlich dürfen sie das. Die Frage ist, welche Form von Schönheit wir ihnen zugestehen. Keine Sorge: Ich habe nicht vor, gewöhnliche Dienstzeiten zur Erhabenheit zu verklären, Anspannung zur neuen Leichtigkeit umzudeuten oder aus defekten Kaffeemaschinen im Backstage Ready-mades zu machen. Die Arbeit anderer von außen ästhetisch zu romantisieren, hat immer einen belehrenden Beigeschmack – besonders im künstlerischen Bereich. Nichts liegt mir ferner. Warum also dieser Text?
Einer Orchesterprobe kann das Publikum meist nicht beiwohnen. Deshalb wird sie fotografiert – aus dokumentarischen Gründen, aber auch, um einen Einblick in die Arbeitswelt des Ensembles zu gewähren. Das ist sinnvoll; dieser Blick hinter die Kulissen erlaubt eine Form der Teilhabe, wenn auch passiv, zweidimensional und ohne Ton. Nun ließen sich ganze Konzertsäle mit Proben-Alben füllen – Bilder, die man ab und zu durchblättert. Niemand würde behaupten, diese Fotos seien nicht schön. Aber es würde auch niemand sagen: Das musst du sehen! Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Was Musik im Innersten auslöst, gehört nicht in ein verstaubtes Fotoalbum, sondern in die Köpfe des Publikums.
Betrachtet man die Bilder, wird schnell klar: Hier herrscht ein ungeschriebenes Regelwerk. Entweder unterscheidet sich die Bildsprache kaum von jeder der Aufführung, oder Probenarbeit erscheint in Form von Schnappschüssen. Beides ist legitim, vielleicht sogar ästhetisch, kommuniziert die Probe aber entweder verklärt oder beiläufig. Kann Schönheit den Weg zu einer intensiveren, vielleicht sogar inspirierenden Wahrnehmung von Orchesterproben abseits von Verklärung und Beiläufigkeit ebnen? Und wenn ja, wie?
Ästhetik als der Schönheit Widersacher.
Im heutigen Sprachgebrauch behandeln wir Schönheit und Ästhetik oft als Synonyme. Ein Missverständnis. Schönheit ist das, was uns unvorbereitet trifft, was uns in Schwingung versetzt. Ästhetik hingegen ist das bewährte Regelwerk, das sich standardisieren lässt. Doch darin liegt die Falle: Was sich standardisieren lässt, folgt einer impliziten Vorstellung davon, wie etwas zu sein hat – und damit letztlich einer moralischen Ordnung. Dass ästhetische Normen als Teil moralischen Denkens die begeisternde, transformative Wirkung künstlerischer Schönheit bisweilen eher behindern als ermöglichen, bestätigte nicht nur der deutsche Philosoph Christoph Quarch in der Deutschlandfunk Kultur – Sendung „Sein und Streit“, sondern auch der Musikwissenschaftler Leonhard B. Meyer in seinem Werk „Emotion and Meaning in Music“.
Nicht die Normen, sondern die Abweichungen vom Gewohnten, die mutigen Vorstöße, die als gelungene Interpretationen gefeiert werden sind es, die uns Schönheit fühlen und erschaudern lassen. Schönheit entsteht nicht durch Bestätigung der Ästhetik, sondern durch wohldurchdachten Bruch, durch Spannung, durch Erregung, durch das Ausgeliefertsein in neuen Erfahrungen – sowohl in der Komposition als auch in der Interpretation. Wie anders ließe es sich erklären, dass wir uns ausgerechnet an die Konzerte erinnern, in denen wir überrascht wurden, oder dass wir uns begeistert auf eine gut rezensierte Neuerscheinung stürzen, obwohl bereits zwei Einspielungen dieser Symphonie im Schrank stehen?
Übertragen wir das Hören auf das Sehen, wird ein großer Irrtum offensichtlich: Es ist völlig überflüssig zu zeigen, welche Instrumentengruppe wo platziert ist. Niemand braucht den fotografischen Beweis, dass die Dirigentin mit den Musikern kommuniziert. Das wissen selbst Menschen, die noch nie einen Konzertsaal von innen gesehen haben. Überspitzt gesagt: Man erklärt dem Publikum unentwegt die Sitzordnung und vergisst darüber ganz, dass hier gerade Kunst entsteht. Wäre es denjenigen gegenüber, die auf der Bühne akustische Schönheit erschaffen, nicht viel respektvoller, dem fotografischen Blick dieselbe Freiheit und Offenheit zuzugestehen?“
Schönheit als Form des Respekts.
Natürlich sind rein ästhetische, auf Ordnung ausgerichtete Fotos keine Respektlosigkeit. Auch Schnappschüsse sind es nicht, gehören sie doch zum akzeptierten Kanon der Social Media - Welt. Und doch befriedigen mich diese Fotografien nicht: In beiden Fällen bleibt das Entscheidende außen vor: Jene schwebende Ungewissheit eines Tristan-Akkords, die Spannung aushält, anstatt sich in vorauseilendem Gehorsam aufzulösen. In diesem Sinne ist Schönheit keine Zutat. Sie ist eine Form der Aufmerksamkeit für das Orchester und somit eine Form des Respekts. Wie diese Schönheit zustande kommt, lässt sich natürlich nicht vorgeben, sehr wohl aber beobachten.
Strangeness, Dissonanzen und das Licht, das durch die Ritze fällt.
Wenn Francis Bacon von einer Strangeness spricht oder Robert Schumann die Dissonanz als kreativen Reiz beschreibt, zielen beide auf dasselbe Phänomen: Schönheit blüht dort auf, wo Erwartungshaltungen sanft enttäuscht werden – nicht dort, wo etwas handwerklich misslingt. Schönheit kümmert sich auch nicht darum, wer die zentrale Person im Raum ist. Schönheit ist vielmehr das, was uns unmittelbar anspricht, unabhängig von Normen. Wenn Leonhard Cohen vom Bruch singt, durch den Licht fällt, geht es nicht um eine formale Veränderung, sondern um eine Bedingung: Das Licht kommt nicht trotz, sondern durch den Bruch. Für eine Probenfotografie, die auf Schönheit statt auf Repräsentation setzt, bedeutet das: Wir dürfen den Riss im Gefüge nicht zukleistern. Wir müssen die Kamera in genau jenen Momenten scharfstellen, in denen die Szenerie durchlässig wird. So wie im Zusammenspiel von Eva-Maud Hubeaux und Jonas Kaufmann: Das Bild behauptet nichts, es fängt das Schwebende ein.“
Hier schließt sich der Kreis zu der kreativen Leere, nach der unser Gehirn verlangt. Maler wie Johannes Vermeer und Edward Hopper oder Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und William Eggleston haben Millionen Menschen berührt – nicht, weil sie das Sichtbare plakativ zugespitzt, sondern weil sie die Botschaft konsequent offengelassen haben. Sie verliehen dem scheinbar Belanglosen durch ihre Kunstfertigkeit eine ungeahnte Würde. Sie eröffneten visuelle Räume, in denen das Offensichtliche seine Selbstverständlichkeit verliert. Ihre Werke behaupten nichts. Ihre Schönheit beruht auf dem radikalen Vertrauen, dass die Andeutung tiefer nachhallt als die platte Eindeutigkeit. Dass dieser Ansatz der gängigen, schnellen Aufmerksamkeitsökonomie widerspricht, versteht sich von selbst. Es wäre jedoch paradox, wenn eine Fotografie, die die klassische Musik abbilden will, Marketing-Logiken folgt, während sich die Musik selbst seit Jahrhunderten eben dieser Logik verweigert.
Was bedeutet das konkret für die Praxis im Probenraum? Ob im Festival-Stress, im intimen Probenstudio oder in den hochdekorierten Hallen von der Carnegie Hall über die Elbphilharmonie bis zum Concertgebouw: Die Kulissen wechseln, der Kern bleibt der gleiche. Es gilt, unvoreingenommen hinzusehen. Ohne Schablone im Kopf, was ein ‚gutes Foto‘ zu sein hat. Die eigentliche Aufgabe des Fotografen besteht nicht darin, krampfhaft nach einer vorgefertigten Bedeutung zu suchen – sondern dem Bedeutung zu schenken, was im Moment des Entstehens da ist.