Warum ich keine Musiker:innen portraitiere.

Als ich vor 20 Jahren Jazz studierte, holte mein E-Bassprofessor, Schamane und Freund von Jaco Pastorius (was er oft genug betonte), bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Weisheiten hervor und wiederholte sie mit einer Mischung aus Eindringlichkeit und Augenzwinkern so oft, dass man ihm einen eigenen Essay widmen könnte.

Einer seiner Lieblingssätze lautete:
„Soliere nie für dich, sondern für das Stück“

Dies sollte zwar für jeden Jazzmusiker eine Selbstverständlichkeit sein, war wesentlich schwieriger zu bewerkstelligen als gedacht – schließlich war man gerade dabei, die Welt musikalisch aus den Angeln zu heben und jedermann ungefragt von seinen Qualitäten zu überzeugen.

Mein Professor war ein Charismatiker, und seine Aussagen haben sich tief eingeprägt. Ihm war alles Belanglose zuwider, insbesondere in der Musik, und er schloss sich Adornos Ansicht an, dass Jazz – obgleich ursprünglich als revolutionär gedacht – durch seine Standardisierung den Hörer in eine passive Rolle drängen kann. Auch das hat mich in meiner fotografischen Arbeit geprägt.

Obwohl ich mein Instrument mittlerweile gegen eine Kamera eingetauscht habe, habe ich das Gefühl, dass seine bei den Studenten bis zum Überdruss wiederholten Ratschläge – oder sagen wir Schrulligkeiten – mehr waren als bloße Merksätze für junge Jazzmusiker. Sie gingen weit über das Instrument hinaus – sogar über die Musik.

Das Solo kann Präsenz schaffen - unter bestimmten Voraussetzungen.

So wie Jazzmusiker:innen seit jeher versuchen, einem Tune jenseits der bekannten Melodie und oberhalb der Akkordfolge mit einem Solo zu einer gegenwärtigen Präsenz zu verhelfen ist mein Ziel, Orchestermusiker:innen eine visuelle Präsenz zu schaffen. Meist versucht man das mit einem Blitzgerät, einer Kamera, einem Lächeln, ein bisschen Software – fertig. Applaus für das schöne Bild. Zweifellos schafft ein solches Bild Aufmerksamkeit – aber schafft es Präsenz? Es liegt ja in der Natur der Sache, dass Präsenz dort entsteht, wo etwas in Beziehung tritt — zu einem Raum, zu anderen Menschen, zu einer Situation, zu einer Erwartung. Musikalisch gesprochen: Zu einem Stück.

Wertvoll und sehenswert ist für mich deshalb nicht die isolierte Sichtbarkeit, sondern eine Form von Präsenz, die erst innerhalb des musikalischen Zusammenhangs entsteht, ja entstehen kann:  Ein Solo benötigt das Davor. Ein gutes Solo ist improvisiert, tritt in eine selbstbewusste Beziehung zu 32 unverrückbaren Takten und betätigt den Türgriff zu einer neuen Erfahrung außerhalb des Erwartbaren, es ergänzt die bekannten Informationen zu einer neuen Erzählweise.

Die in die Kamera lächelnde Person ist sichtbar – aber sie soliert für sich. Ein gutes Solo dagegen trägt immer die Spuren dessen in sich, worauf es antwortet.

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Dürfen Orchesterproben schön sein?