Mit Umberto Eco in der Orchesterprobe: Fotografieren wie Baudolino.
Fotografie ist ein fantastisches Medium. Vieles, das wir von der Welt wissen – oder zu wissen glauben –, verdanken wir Fotografien. Was wir nicht aus eigener Erfahrung kennen, beurteilen wir anhand von Bildern – wir können gar nicht anders. Fotografien ergänzen dabei unsere Wirklichkeit nicht nur – sie ersetzen sie sogar oft. Für die meisten Menschen besteht die Vorstellung von der Antarktis, dem Maschinenraum eines Kreuzfahrtschiffes oder einer Orchesterprobe fast ausschließlich aus Bildern anderer. Aus einer fotografischen Erzählung.
Auch wenn wir uns einbilden, im Museum bei Magritte eine Pfeife zu sehen oder in einer Broschüre einen Bauernhof, an dem wir mit unseren Kindern einen entspannten Urlaub verbringen wollen, sehen wir weder eine Pfeife noch einen Bauernhof, sondern Bilder davon. Wir sehen auch keine Orchesterprobe, sondern die Entscheidungen eines Fotografen darüber, wie eine Orchesterprobe aussehen soll.
Werfen wir einen Blick auf einen meiner Lieblingsautoren, Umberto Eco. In seinem Roman Baudolino interessiert ihn weniger die einfache Unterscheidung zwischen wahr und falsch als die Frage, wie aus Erzählungen Wirklichkeit entsteht.
Für alle, die Ecos Buch nicht kennen: Die titelgebende Hauptfigur besitzt die Gabe, Dingen eine Bedeutung einzuhauchen, die sie von Natur aus gar nicht besitzen: Reliquien werden erst durch die passende Legende wundertätig; der Gral wird erst dadurch wertvoll, dass Baudolino ihm eine physische Form gibt. Bei aller Scharlatanerie hat dieser Charakter etwas Fundamentales verstanden: Objekte oder Ereignisse werden nicht allein durch ihre bloße Existenz bedeutsam, sondern auch durch das Narrativ, das wir um sie herum weben.
Baudolinos Geschichte kreist damit um eine Frage, die für dokumentarisch arbeitende Fotograf:innen beinahe blasphemisch klingen muss: Was gilt überhaupt als wahr – und wie muss man es erzählen, damit es vom Publikum als Realität akzeptiert wird?
Diese Frage legt den Finger auf ein Tabu der eigenen Zunft: Natürlich können Fotograf:innen die Wirklichkeit nur schwer mit derselben Freiheit erfinden wie Baudolino. Was vor ihrer Kamera geschieht, ist zunächst einmal da. Aber sie entscheiden, welchen Ausschnitt wir davon zu sehen bekommen, welchen Augenblick sie festhalten und was außerhalb des Bildes bleibt. Sie bilden die Wirklichkeit nicht ab, ohne sich zugleich ein Bild von ihr zu machen.
Tatsache ist: Fotograf:innen erzählen immer Geschichten – selbst dann, wenn sie behaupten, bloß neutral zu dokumentieren. Warum? Weil, wie John Berger in „Der Augenblick der Fotografie“ schreibt, „in dem Moment, in dem die Fotografie etwas Gesehenes aufzeichnet, sie immer und unentrinnbar auf etwas Nicht – Gesehenes verweist“ – also auf ein Vorher und ein Nachher. Fotograf:innen sind immer Erzähler:innen, unabhängig davon, ob ihre Geschichten dramatisch oder langweilig, spannend oder beiläufig sind. Schon die Wahl von Abstand, Bildausschnitt, Licht, Perspektive, Farbstimmung und Auslösezeitpunkt ist keine neutrale Entscheidung. Sie legt fest, welche Geschichte eine Fotografie erzählt – und welche sie verschweigt: Zeigt man Erschöpfung oder Begeisterung? Zielstrebigkeit oder Langweile? Wer bei Proben hinter der Kamera steht, entkommt der Frage nicht, welche Erzählung er mitschreiben will. In diesem Sinne ist jeder Druck auf den Auslöser ein Baudolino-Moment: Das fertige Bild erschafft nicht die Wirklichkeit. Es erschafft eine Erzählung darüber, welche Wirklichkeit wir zu sehen bekommen.