Mit Umberto Eco in der Orchesterprobe: Fotografieren wie Baudolino
Umberto Eco wird vor allem für seine Fähigkeit geschätzt, Historisches und Erfundenes so präzise zu verschränken, dass es bisweilen nur Geschichtsenthusiasten möglich ist, zwischen Tatsachen und Ausschmückung, ja Erfindung zu unterscheiden.
Was dabei oft im Hintergrund bleibt: Eco war einer der zentralen Theoretiker der Semiotik – und genau diese Perspektive prägt seine Romane grundlegend. Denken wir an William von Baskerville, der in Der Name der Rose konsequent den Spuren von Zeichen folgt, oder an Das Foucaultsche Pendel, in dem er den Leser ungefragt selbst zum Zeichenleser, zum Semiotiker macht.
Eine besondere Stellung in Ecos Romanen nimmt Baudolino ein. Hier ist Semiotik kein erzählerisches Mittel mehr, sondern die eigentliche Grundlage des Romans: Wahrheit entsteht nicht unabhängig von der Erzählung, sondern durch sie. Alles in dieser Geschichte kreist um eine zentrale Frage: Was gilt als wahr – und wie muss man es erzählen, damit etwas als wahr akzeptiert wird?
Die Verbindung zur Fotografie liegt näher, als es zunächst scheint – und zeigt etwas auf, das einige, auch dokumentarische Fotograf:innen, vielleicht nicht wahrhaben wollen: Egal, was wir fotografieren – wir handeln wie Baudolino. Zwar gibt es die verbreitete Ansicht, dass eine Fotografie sowohl eine denotierte als auch konnotierte Botschaft beinhaltet; dass dies nicht stimmt, wurde bereits in den 60ern vom Literaturkritiker und Semiotiker Roland Barthes in seinem Essay „Die Rhetorik des Bildes“ beschrieben. Vielmehr wahr ist: Wie Baudolino entscheiden wir bei jeder Fotografie, was wir zur Wirklichkeit erklären.
Für all jene, die den Roman noch nicht kennen: Baudolino, die Hauptfigur des gleichnamigen Romans, ist ein Meister darin, Gegenständen tiefe Bedeutung zu verleihen. Ein Beispiel sind die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die erst in neue, prachtvolle Gewänder gekleidet werden, um überhaupt als bedeutsam wahrgenommen werden zu können. Bei all seiner Schelmenhaftigkeit hat er aber eine Weisheit erkannt: Dinge werden nicht durch ihre Existenz relevant, sondern durch die Geschichte um sie herum.
Fotograf:innen erzählen immer Geschichten – und wer eine Probe fotografiert, steht unweigerlich vor der Entscheidung, wie eine Geschichte hier überhaupt erzählt werden soll:
- Als beiläufige Randnotiz – oder als Bild im Gestus der Aufführung?
- Als verdichtete Erzählung von Arbeit – oder flüchtige Beobachtung?
- Aus der Nähe, als Geschichte von Körpern, Blicken und Reaktionen – oder aus der Distanz, als Narrativ von Ordnung, Struktur und Form?
Jede dieser Entscheidungen besitzt ihre Berechtigung und ist gleichzeitig eine Entscheidung darüber, was man erzählt – und wie.
In diesem Sinne ist jede Fotografie ein Baudolino-Moment: Sie beschreibt nicht einfach eine vorgefundene Wirklichkeit, sondern sie legt die Wirklichkeit anhand einer Erzählung fest: Nicht durch Täuschung, sondern durch Setzung.
Ich selbst habe mich für Schwarzweiß entschieden.
Nicht nur als Stilmittel, in dem auch dem Unscheinbaren und Leisen Bedeutung gegeben werden kann, sondern als Konsequenz aus dem Verständnis, dass Bedeutung im Bild nicht gegeben ist, sondern entsteht:
Schwarzweiß entzieht dem Bild die Lesart des Spektakels. Es kann die Aufmerksamkeit weg von Statik und Repräsentation hin zu Körper lenken, zu Spannung und Handlung. Dabei entsteht kein Bild, das erklärt, was eine Probe ist, sondern eines, das festlegt, wie sie gesehen werden kann.