Mit Umberto Eco in der Orchesterprobe: Fotografieren wie Baudolino.

„Es täuscht nichts vor, es demonstriert eine große Wahrheit.  Es führt uns handgreiflich vor Augen, dass es Leere gibt.“

— Umberto Eco, Baudolino

Umberto Eco interessierte sich in seinen Werken weniger für die Frage, was wahr ist, sondern vielmehr dafür, wie Wahrheit konstruiert wird. Baudolino, dieser wundervolle Schelm, nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Seine Geschichte kreist um eine Frage, die für jeden Dokumentaristen beinahe blasphemisch klingen muss: Was gilt überhaupt als wahr – und wie muss man es inszenieren, damit es vom Publikum als Realität akzeptiert wird?

Die Verbindung zur Fotografie liegt sehr nahe – und legt den Finger auf ein Tabu der eigenen Zunft: Egal, was wir fotografieren – wir handeln wie Baudolino. Wie Baudolino entscheiden wir bei jeder Fotografie, was wir zur Wirklichkeit erklären, was der Philosoph Roland Barthes bereits in den 60ern in „Die Rhetorik des Bildes“  theoretisch untermauerte.

Für alle, die Ecos Buch nicht kennen: Die titelgebende Hauptfigur besitzt die seltene, fast magische Gabe, Dingen eine Bedeutung einzuhauchen, die sie von Natur aus gar nicht besitzen. Reliquien werden bei ihm erst durch die passende Legende (beziehungsweise Kleidung) wundertätig; der Gral wird erst dadurch wertvoll, dass Baudolino ihm eine physische Form gibt. Bei aller Scharlatanerie hat dieser Charakter etwas Fundamentales verstanden: Objekte oder Ereignisse werden nicht durch ihre bloße Existenz bedeutsam, sondern durch das Narrativ, das wir um sie herum weben.

Wie wir eine Orchesterprobe wahrnehmen, hängt folglich weniger davon ab, was im Saal tatsächlich geschieht, als davon, welche Sehgewohnheiten und visuellen Traditionen wir im Kopf mitbringen. Fotografen erzählen immer Geschichten – selbst dann, wenn sie steif und fest behaupten, bloß neutral zu dokumentieren und selbst dann, wenn die Geschichten langweilig sind. Jede Entscheidung über den Abstand zum Motiv, den Bildausschnitt, das Licht, den exakten Moment, die Perspektive und die Farbstimmung ist eine tiefgreifende erzählerische Setzung. Wer im Probenraum hinter der Kamera steht, entkommt der Frage nicht, welche Erzählung er mitschreiben will. In diesem Sinne ist jeder Druck auf den Auslöser ein waschechter Baudolino-Moment: Das fertige Bild bildet keine vorgefundene Wirklichkeit ab. Es erschafft sie.

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Storytelling in der Orchesterfotografie – Wenn Bilder beginnen, Musik zu sprechen?