Storytelling in der Orchesterfotografie – Wenn Bilder beginnen, Musik zu sprechen?
Als ich vor einigen Jahren Kulturmanagement studierte und Seminare zu Öffentlichkeits- und Pressearbeit besuchte, legten wir unserem Dozenten selbstverfasste Informationstexte über jene Kulturinstitutionen vor, bei denen wir gerade Praktika absolvierten. Bei einigen Beiträgen runzelte er die Stirn und fragte: „Warum sollte jemand das lesen wollen? Was ist die Geschichte an der Geschichte?“
Um auf den Titel zurück zu kommen und eines gleich vorwegzunehmen: Sie tun es nicht. Bilder erzählen keine Musik. Und genau darin liegt das fundamentale Missverständnis vieler Musikfotografien. Fotografieren lassen sich Musiker:innen, Instrumente, Räume, Spannungen, Müdigkeit, Konzentration, Hingabe oder Erwartung – kurz: all jene Menschen und Dinge, Zustände und Emotionen, aus denen Musik überhaupt erst entsteht. Trotzdem wird die verklärte Behauptung, Bilder würden Musik erzählen, in der Musikfotografie häufig wiederholt.
Storytelling ist in der Fotografie eine gängige Technik, die, wie jeder Werbefachmann weiß, einen Schlüsselbegriff im Aufbau zu Nähe darstellt. Kurz gesagt versteht man darunter den Versuch, Emotionen, Situationen und Beziehungen visuell so zu verdichten, dass im Kopf des Betrachters wie von selbst eine Geschichte entsteht.
Doch welche Geschichten erzählt man aus einer Orchesterprobe? Hier wird es knifflig. Die eigentliche Schwierigkeit des fotografischen Erzählens im Orchester liegt ja nicht im Fehlen einer Dramaturgie, sondern im genauen Gegenteil, in ihrer vermeintlichen Bekanntheit. Der Dirigent schwingt den Taktstock, gibt einen Einsatz, das Ensemble reagiert. Vieles davon wirkt zum Zeitpunkt, an dem der Auslöser gedrückt wird, bereits zu Ende erzählt. Darum ist es dringend notwendig, die Frage anders stellen: Nicht welche Geschichten wir von einer Situation erzählen, die für die Musiker:innen zum Alltag gehört – sondern wie wir es tun.
Gut erzählte Geschichten haben gegenüber Musik einen entscheidenden Vorteil: Sie können einen Einstieg in eine Welt bieten, zu der wir zunächst keinen besonderen Bezug haben. Man muss sich nicht für Parfümerie interessieren, um von Grenouille und seiner Obsession gefesselt zu sein, oder selbst Erfahrungen mit halluzinogenen Pilzen haben, um Suters Die dunkle Seite des Mondes zu verstehen. Musik hat es in dieser Hinsicht schwerer. Wer mit ihrer Klangsprache, ihren Formen oder ihren Ritualen wenig anfangen kann, findet nicht automatisch einen vergleichbaren Einstieg.
Egal wovon eine Erzählung handelt: In einer guten Geschichte stehen immer die Menschen im Mittelpunkt. Denken Sie an einen beliebigen Roman, der Sie gefesselt hat: Natürlich spielt der Plot eine Rolle - aber wären Sie ihm gefolgt, wenn der Roman kein Interesse an den menschlichen Eigenschaften der Personen geweckt hätte?
Wenn man permanent nur „die Streichergruppe“, „die Holzbläser“, „das Schlagwerk“ zeigt, kann man fast nicht anders als zu glauben, man wolle einem Fachpublikum die Sitzordnung erklären oder einem Klassikneuzugang zeigen, wie eine Geige gehalten wird. Dabei gehört es zu unserem Verständnis vom Menschsein, dass wir Menschen nicht nur als Funktionsträger wahrnehmen, sondern als Persönlichkeiten – insbesondere Künstler. Auch wenn viele Fotografien das nahelegen, wäre es zynisch zu fragen, ob Orchestermusiker denn nichts besitzen, was über ihre Funktion hinaus erzählenswert wäre. Noch zynischer aber ist eine fotografische Bestätigung dieses Verdachts.