Storytelling in der Orchesterfotografie – Wenn Bilder beginnen, Musik zu sprechen?

Um eines gleich vorwegzunehmen: Sie tun es nicht. Und genau darin liegt das fundamentale Missverständnis vieler Musikfotografien. Fotografieren lassen sich ausschließlich Menschen, Räume, Spannungen, Müdigkeit, Konzentration, Hingabe oder Erwartung – kurz: all jene Zustände und Emotionen, aus denen Musik überhaupt erst entsteht. Gerade weil diese verklärte Behauptung – Bilder würden Musik erzählen – in der Musikfotografie so gebetsmühlenartig wiederholt wird, obwohl sie der Realität widerspricht, finde ich sie so bemerkenswert.

Storytelling ist in der Fotografie eine gängige Technik. Kurz gesagt versteht man darunter den Versuch, Emotionen, Situationen und Beziehungen visuell so zu verdichten, dass im Kopf des Betrachters wie von selbst eine Geschichte entsteht.

Doch welche Geschichten erzählt man eigentlich aus einer Orchesterprobe? Hier wird es knifflig. Die eigentliche Schwierigkeit des fotografischen Erzählens im Orchester liegt nämlich nicht im Fehlen einer Dramaturgie, sondern im genauen Gegenteil, in ihrer mutmaßlichen Bekanntheit. Der Dirigent schwingt den Taktstock, gibt einen Einsatz, das Ensemble reagiert. Vieles davon wirkt bereits zu Ende erzählt, noch bevor überhaupt auf den Auslöser gedrückt wurde. Darum möchte ich die Frage anders stellen: Nicht welche Geschichten wir von einer Situation erzählen, die für die Musiker zum absoluten Alltag gehört – sondern wie wir es tun.

Egal wovon eine Erzählung handelt: Für mich stehen in einer guten Geschichte immer die Menschen im Mittelpunkt. Vermutlich bin ich nicht allein mit der Wahrnehmung, dass man auf typischen Probenfotos selten echte Persönlichkeiten sieht, sondern meist nur deren Funktionen: den Dirigenten, die Konzertmeisterin, die Blechbläser oder die Streichergruppe. Es liegt auf der Hand, dass genau hier der Grund liegt, warum viele dieser Bilder trotz aller handwerklichen Professionalität emotional so erstaunlich distanziert und unnahbar wirken.

YCAT, Pierre Boulez Saal Berlin

European Union Youth Orchestra, Het Concertgebow

Betrete ich einen Raum in dem geprobt wird, während die Orchestermitglieder nach und nach eintreffen und die ersten bereits mit dem Aufwärmen beginnen, versuche ich – sofern es die Zeit erlaubt –, mich möglichst vielen persönlich vorzustellen oder zumindest Augenkontakt zu suchen. Das ist eine Frage der Höflichkeit. Es erfüllt aber noch einen ganz praktischen Zweck: Ich lerne die Ausstrahlung eines Menschen kennen. Begegnet mir jemand offen und expressiv oder eher zurückhaltend, freundlich, vielleicht abweisend?

Gewiss wird diese erste Reaktion oft von der Tatsache beeinflusst, dass ich eine Kamera in der Hand halte. Im Kopf meines Gegenübers taucht dann die Frage auf: ‚Sehe ich auf dem Foto, das der Typ von mir macht, überhaupt gut aus?‘

Es sind keineswegs nur die leichten, fröhlichen Momente, die mich interessieren. Eine Probe bedeutet harte Arbeit – völlig unabhängig davon, ob man gerade einen guten Tag hat oder nicht. Mich interessieren jene flüchtigen Sekunden, in denen die Fassade bröckelt und etwas durchlässig wird. Etwas, das sich der klassischen Ikonografie und der schnellen Eindeutigkeit entzieht. Genau so entstehen visuelle Geschichten, deren Grundkonstrukt dem Betrachter zwar vertraut ist, die aber das Geheimnis um ihren Anfang und ihr Ende niemals ganz verraten.

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Mit Umberto Eco in der Orchesterprobe: Fotografieren wie Baudolino.