Ist Murke ein Spinner?
Kennen Sie Dr. Murke? In Heinrich Bölls Satire Dr. Murkes gesammeltes Schweigen arbeitet die Hauptfigur als Redakteur beim Rundfunk. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, Tonbandaufnahmen zu schneiden. Doch während seine Kollegen Stimmen montieren und Sendungen produzieren, sammelt Murke etwas gänzlich anderes: jene Passagen, in denen niemand spricht. Er schneidet die Pausen heraus, klebt sie aneinander, bewahrt sie auf und hört sie sich abends zu Hause an. Böll kommentierte diese Obsession später in einem Interview: „Wer den ganzen Tag von mehr oder weniger sinnvollem Gerede umgeben ist, entwickelt irgendwann eine unbändige Sehnsucht nach Schweigen.“
Murkes skurrile Sammlung wirkt zunächst wie eine rein literarische Pointe; man kann ihn als erzählerischen Gegenpart zum geschwätzigen und selbstverliebten Kulturprofessor Bur-Malottke lesen. Tatsächlich aber geht es in dieser Erzählung um ein universelles Wahrnehmungsmuster: Was gesprochen, gehandelt oder gespielt wird, besitzt für uns Bedeutung – oft völlig unabhängig vom eigentlichen Inhalt. Das Schweigen dagegen gilt uns bloß als Leerstelle, als langweiliges Nichts. Dass dies nicht unbedingt stimmt, weiß jeder, der das Mozart zugeschriebene Zitat über die Musik zwischen den Noten kennt oder der, wesentlich profaner, schon einmal in eine kleine und völlig leere Kirche geflohen ist, um lärmenden Touristenströmen zu entkommen.
Murke jedoch begnügt sich nicht damit, zufällige Pausen zu archivieren. Am Ende der Erzählung bittet er sogar seine Freundin, für ihn zu schweigen, um dieses ganz spezifische, persönliche Schweigen auf Band aufzunehmen. Die Stille wird damit selbst zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Ist Murke nun ein Spinner?
State Orchestra of the Ukraine
Trifft Fotografie auf Musik, entsteht ein Paradoxon. Musik kann gar nicht anders, als sich als zeitlicher, akustisch wahrnehmbarer Fluss zu entwickeln. Die Fotografie hingegen isoliert einen einzigen Moment aus diesem kontinuierlichen Prozess. Egal, wie laut sich der vorherige und der nachfolgende Moment auch artikulieren mögen – im Bild herrscht für einen Augenblick absolutes Schweigen.
Hier kann sich die Fotografie klassischer Musik neu definieren, ja, ihren eigentlichen Sinn erfüllen, der über reine Bildästhetik hinausgeht: Wenn Fotografie Musik ohnehin nicht hörbar machen kann, muss sie, um glaubhaft zu sein, etwas anderes zeigen: Menschen, aus deren Aufmerksamkeit, Konzentration oder Erschöpfung Musik überhaupt erst entsteht.