Ah, Ihr habt geprobt.
Noch nie war es so einfach, fotografisch zu kommunizieren. Bilder haben die Schrift in vielen Bereichen unseres Alltags längst verdrängt. Aber sagt ein Bild deshalb automatisch mehr als tausend Worte? Ich halte das für eine Halbweisheit – jedenfalls dann, wenn jemand aus einer bloßen Mitteilung eine Erzählung machen kann.
Denken Sie an die unzähligen Reisefotos, die täglich auf Plattformen hochgeladen werden. Solche Bilder liefern, wie Susan Sontag es in ihrem Essay „In Platos Höhle“ beschrieben hat, vor allem einen unwiderlegbaren Beweis: Ich war hier. Visuell begnügen wir uns dabei häufig mit dem Äquivalent kurzer Hauptsätze: „Ich stehe an der Karlsbrücke.“ Oder: „Vor dem Abflug wartet man am Gate.“
Das Paradoxe daran ist, dass der Erkenntnisgewinn für Betrachter – trotz digitaler Herzchen und zustimmender Kommentare – gering bleibt, während sich im Kopf des Fotografen eine ganze Welt mit dem Bild verbindet. Vielleicht war er glücklich, die Karlsbrücke einmal ohne Menschenmassen zu erleben, oder gab sich die Erlaubnis, sich beim Überschreiten ein wenig wie Franz Kafka zu fühlen. Vielleicht geriet er am Flughafen zwischen Verspätung, quengelnden Kindern und Fastfood-Geruch ins Grübeln über Themen, die mit dem Zeitpunkt des Urlaubsantritts wenig harmonieren. Nur: Sieht man das dem Bild an? Eher nicht. Kaum jemand käme auf die Idee, nach der Geschichte hinter einem Foto zu fragen, wenn das Motiv keinen Anlass bietet, mehr als das Offensichtliche zu vermuten.
Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen Fotografien von Orchesterproben – vom engagierten Laienensemble bis zum Weltklasseorchester. Ich sehe den unwiderlegbaren Beweis, dass geprobt wird. Das ist beruhigend, geht aber über den reinen Informationswert kaum hinaus. Als Konzertbesucher darf ich schließlich voraussetzen, dass ein Orchester vor dem Auftritt probt; dafür brauche ich keinen fotografischen Leistungsnachweis.
Natürlich zeigt das eine oder andere Bild eine neue Gastdirigentin oder den Solisten des Abends. Aber auch das steht im Newsletter oder im Programmheft. Ein Foto, das lediglich die Anwesenheit von Musiker:innen im Raum dokumentiert, bleibt stumm gegenüber der Frage, warum wir ihnen am Abend eigentlich zuhören sollten. Es liefert die Fakten, aber unterschlägt die Relevanz.
Mir – und vermutlich vielen anderen – entlocken diese Bilder daher, aller fleißig vergebenen Likes zum Trotz, meist nur eine Reaktion: „Ah. Ihr habt geprobt.“