Probenfotografie wird gerne mit einem Versprechen verbunden, dessen Sinn man zunächst kaum bestreiten kann: Hier sehen Musiker:innen so aus, wie sie wirklich sind – bei der Arbeit, ungestellt, authentisch.
Als ich mein Musikerdasein aufgrund eines Gehörsturzes beendete und zu fotografieren begann und noch weit davon entfernt war, beurteilen zu können, wohin die Reise gehen würde, deckte ich mich in der Bücherei mit allerlei Fachliteratur zum Thema Fotografie ein, unter anderem mit einem Fachbuch zum Thema Porträtfotografie.
An den genauen Titel des Buches kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es trug das Wort „authentisch“ in sich. Ich freute mich auf das Buch, vielleicht verriet es ja den einen oder anderen Trick, wie man ein Porträt möglichst authentisch wirken lassen könnte. Dabei hätte ich beim für mich selbst formulierten Ausdruck „authentisch wirken lassen“ schon hellhörig werden müssen. Am Ende des Werkes musste ich nämlich lesen, dass es so etwas wie Authentizität in der Porträtfotografie gar nicht gibt. Für mich als Anfänger war das einerseits eine Enttäuschung, andererseits begann die Erkenntnis, dass Fotografie und Authentizität sich in einem Spannungsverhältnis befinden, wesentlich mehr Früchte zu liefern als Vorschläge zur Lichtsetzung, zum Posing und zur Blendeneinstellung.
Dabei ist Authentizität in aller Munde: Authentisch zu sein stellt für viele Lebensbereiche eine scheinbar erstrebenswerte Haltung dar, meint Autor Erik Schilling in seinem Buch „Authentizität – Karriere einer Sehnsucht“. Authentizität sei ein Anker in unsicheren Zeiten, gebe Sicherheit und schütze vor unangenehmen Überraschungen. Und wer hat noch nicht davon gehört, dass man beim Dating authentisch sein soll, dass dieses italienische Restaurant authentische Küche auf den Teller bringt oder dass Menschen, die in einer bestimmten Gegend dieser Welt leben, besonders authentisch sind? (24)
Dennoch argumentiert Schilling, dass Authentizität, genau genommen Wesensauthentizität, problematisch sein kann, weil sie keinen Spielraum für Veränderung und kaum Raum für Widersprüchlichkeiten im Verhalten zulässt. (25) Bemerkenswert ist dabei Schillings Definition der Wesensauthentizität, die er als „angenommene Übereinstimmung des Wesens eines Subjekts oder Objekts mit einem von ihm gesendeten Zeichen“ definiert: Wir müssen also bereits eine Vorstellung davon besitzen, wie etwas seinem Wesen nach ist, um beurteilen zu können, ob ein Zeichen diesem Wesen entspricht.
Das erklärt vielleicht auch, weshalb Authentizität eine solche Anziehungskraft besitzt. Schilling bezeichnet sie an anderer Stelle als „Wellnessoase des Alltags“: Das Prädikat „authentisch“ hilft uns, die auf uns einprasselnde Wirklichkeit zu ordnen. Was wir als authentisch erkennen, müssen wir nicht jedes Mal neu befragen. Es passt zu einem bereits vorhandenen Bild, bestätigt unsere Erwartungen und schafft damit Vertrauen in dessen Authentizität. Nur: Irgend etwas muss uns zuvor Authentizität signalisiert haben, damit wir das, was wir sehen, auch tatsächlich als authentisch einordnen können.
Versuchen wir also zunächst einer Fotografie von einer Orchesterprobe anzusehen, (in Abgrenzung zu einer konstruierten Abbildung), ob sie Authentizitätskriterien entspricht: Woran würden wir das erkennen? An herumliegenden Instrumentenkästen, handschriftlichen Eintragungen in den Noten und einem Dirigenten, der gerade nicht dirigiert? Daran, dass Musiker:innen mit dem Handy spielen? Oder finden wir Authentizität im Gegenteil: An höchster Konzentration, geschlossenen Augen, körperlicher Anspannung und jener Versunkenheit, die wir mit künstlerischer Arbeit verbinden?
Offenbar können sich völlig verschiedene Darstellungen darauf berufen, authentisch zu sein. Eine beiläufige Aufnahme erscheint authentisch, weil nichts an ihr nach Inszenierung aussieht: So sieht eine Probe eben aus. Die ästhetisierte Aufnahme bezieht ihre Glaubwürdigkeit dagegen aus anderen Zeichen: Konzentration, Anspannung und Versunkenheit entsprechen unserer Vorstellung davon, wie ernsthafte künstlerische Arbeit aussieht.
So unterschiedlich beide Bildsprachen sind, beruhen sie auf demselben Mechanismus: Wir erkennen in ihnen etwas wieder, von dem wir bereits eine Vorstellung besitzen. Gerade deshalb erscheinen sie uns authentisch.
Darin liegt meiner Meinung nach auch die Schwäche der „Forderung“ oder, besser, der Erfüllung des Wunsches nach Authentizität. Denn wenn das Authentische unsere Erwartungen bestätigt, Vertrauen schafft und uns vor unangenehmen Überraschungen schützt, dann nimmt es einer Sache zwangsläufig auch einen Teil ihrer Unberechenbarkeit und beschneidet somit tatsächlich auch Authetizität. Was Erwartungen in hohem Maße entspricht, kann uns kaum noch überraschen. Und was uns nicht überrascht, läuft Gefahr, langweilig zu werden.
Schilling stellt der Wesensauthentizität deshalb etwas gegenüber, das für die Fotografie (und vermutlich auch für Menschen, die Fotografien betrachten) wesentlich interessanter ist: Ambiguität. (26) Menschen müssen nicht widerspruchsfrei sein. Sie können Zeichen aussenden, die nicht zu dem Bild passen, das wir uns von ihnen gemacht haben. Und gerade diese Widersprüche machen sie interessant:
Als ich die Proben zur Oper La Gioconda mit Anna Netrebko und Jonas Kaufmann im Großen Festspielhaus Salzburg fotografierte, trug ich eines meiner Lieblings-T-Shirts: Es zeigte einen stilisierten Skull, das legendäre Logo der Band Misfits (das zu meinem Bedauern in den Kanon eines Bekleidungsriesen eingegangen ist). Mich still hinter der Bühne bewegend, kam ein Mitglied des Chores Accademia Nazionale di Santa Cecilia auf mich zugestürmt, deutete begeistert auf mein T-Shirt und flüsterte mir zu: „Man, I love Glenn Danzig!“ (Anm.: Sänger der Misfits).
Vieles ist mir in der Sekunde, als der Mann auf mich zustürmte, durch den Kopf gegangen: Ist er der Chorleiter, dem man nicht gesagt hat, dass ich fotografiere? Der Assistent des Regisseurs, der mich zurechtweisen will? Auf keinen Fall habe ich mit einem Misfits-Fan gerechnet. Mit Schilling könnte man sagen: Für einen Augenblick versagte die Wesensauthentizität, das Zeichen passte nicht zum angenommenen Wesen.
Um auf die verbreitete Bildsprache von Orchesterproben zurückzukommen: Aus meiner Sicht ist sie, um Interesse außerhalb der Klassik - Bubble zu wecken, zu wenig widersprüchlich: Die einen Bilder zeigen uns, wie eine Probe aussieht, ohne Pathos, aber auch ohne Reiz. Die anderen zeigen uns, wie wir uns künstlerische Arbeit vorstellen. Beide können authentisch wirken. Aber beide lassen uns kaum an einem Bild von klassischer Musik zweifeln – oder darin etwas entdecken, das bisher keinen Platz hatte. Dabei könnte gerade die Probenfotografie jene Eindeutigkeit aufbrechen, aus der viele Klischees der klassischen Musik ihre Beharrlichkeit beziehen. Nicht indem sie uns zeigt, wie klassische Musik „wirklich“ ist, sondern indem sie mehr von ihr vorstellbar macht.