Worum es mir nicht geht.
„You see, everybody thinks he knows what classical music is.“
"The best way to make opera houses more useful would be to blow them up."
Um zu erklären, welche Haltung meiner Arbeit zu Grunde liegt, möchte ich gerne mit einem Vergleich beginnen: Stellen Sie sich vor, Sie würden anstatt eines Textes über klassische Musik einen von mir verfassten Text über vegetarische Küche in Händen halten. Ich würde mit keinem Wort auf die gesundheitlichen, geschweige denn moralischen Aspekte eingehen, sondern mich ausschließlich auf die Maximierung von Geschmack und Textur konzentrieren – und auf Serviervorschläge.
Genauso wenig werden Sie den Versuch finden, Sie für klassische Musik zu begeistern, weil sie als Teil unserer Kultur angeblich erhaltenswert ist. Schließlich hätte man den Dinosauriern in der Kreidezeit, wie der Journalist Uwe Friedrich in Deutschlandfunk Kultur es formulierte, auch niemand nachgeweint.
Sollten Sie sich allerdings fragen, warum viele Menschen kein Interesse an klassischer Musik haben und wie man ihren Zugang erleichtern könnte ohne flammende Reden über ihre gesellschaftliche Bedeutung zu halten und gleichzeitig vorwurfsvoll mit dem Finger auf die Politik zu zeigen, finden Sie hier die eine oder andere Anregung von jemandem, der klassische Musik trotz der völlig unzeitgemäßen, bisweilen lächerlichen visuellen Kommunikation liebt. Andererseits: Wenn die obigen Aussagen von Leonard Bernstein und Pierre Boulez in den letzten Jahrzehnten nicht viel gefruchtet haben – warum sollte man dann einem Fotografen zuhören?
Dass ich einmal Orchesterproben fotografieren würde, wäre mir selbst als junger Erwachsener niemals in den Sinn gekommen. Wie ich dort gelandet bin? Ich hatte Glück. Denn eigentlich gab es für mich als kreativen Menschen keinen Grund, eine Welt zu betreten, in der reproduziert anstatt erschaffen und repräsentiert anstatt kommuniziert wird. Was macht auch, wie das Magazin Das Orchester über meine Arbeit schrieb, ein Punk im Orchester?
Noch erstaunlicher ist allerdings etwas anderes: Ausgerechnet die Orchesterprobe – jener Ort, an dem man Musiker:innen näher kommt als auf jeder Bühne – findet in der Bildsprache der klassischen Musik bis heute nur wenig Beachtung. Dabei könnte sie genau das leisten, was der klassischen Musik seit Jahren abverlangt wird: Distanz abbauen, ohne sich in manch unfreiwilliger Komik anzubiedern. Simon Rattle formulierte es bei einem Treffen in der Münchener Residenz so: „At last someone who shows how we musicians work. We need more of that!“
Hinter diesem Buch steht eine simple, unzählige Male wissenschaftlich dokumentierte und gleichzeitig aus unerklärlichen Gründen wenig honorierte Beobachtung: Die größten Hürden entstehen durch tief verankerte Vorurteile und Zweifel– ganz gleich, ob es sich um den ersten Konzertbesuch oder den ersten Termin beim Psychotherapeuten handelt. In beiden Fällen hilft nur Aufklärung. Und die besten Aufklärer sind nicht die, die mit Worten zu überzeugen suchen, sondern diejenigen, die Geschichten erzählen können.
„Um die Menschen zu erreichen, die nicht oder selten kommen, müssten die Kultureinrichtungen ihr Image ändern " schreibt dazu Antje Dörfner von BR Klassik und zitiert dabei den Soziologen Martin Tröndle von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. In hierarchisch ganz unten angesiedelten Gegenden passiert das auch, mit Outreach-Programmen für Kinder und Jugendliche beispielsweise. Gleichzeitig ignoriert man, dass Outreach – Programme als Teil des Jahresprogramms von Menschen besucht werden, die ohnehin schon eine Affinität zu klassischer Musik besitzen. Vielmehr noch ignoriert man, dass Erwachsene, ausgestattet mit einem monumental-musealen Klassikbild, als unsichtbare Mitarbeiter maßgeblich über Erfolg und Misserfolg über derjenigen Outreach – Programme entscheiden, die außerhalb von Kultureinrichtungen stattfinden.
Dass man sich diesem Thema nicht erst seit gestern widmet, zeigt ein Blick die Archive: Zum Thema „Welche Relevanz hat Kunst für heutige und künftige Generationen?“ zitierte die Concerti-Autorin Friederike Holm in ihrem Essay „Die Welt ist abhanden gekommen“ den Starredner der Heidelberg Music Conference 2014, Daniel Libeskind, der sich für eine „Demystifizierung der Aura“ aussprach, um mehr Menschen zu erreichen. Nicht die Aura des Konzerts, sondern die Aura des unantastbaren Meisterwerks und Künstlers, wohlgemerkt.
Viele Orchester haben sich das zu Herzen genommen – mit dem Ergebnis, dass Fotografien von Orchesterproben zwar weniger unnahbare Aura ausstrahlen, dafür aber kaum spannender wirken als der Blick in ein gewöhnliches Großraumbüro.
Bei allem Verständnis für den Wunsch nach Demystifizierung lieben Menschen aber das Geheimnis, und Fotografie kann Geheimnisse liefern. Deshalb ist dieses Buch der Versuch zu zeigen, dass Interesse an klassischer Musik nicht durch den Verlust von Aura entsteht, sondern durch eine andere Form von Aura: Eine, die aus Spannung statt Beiläufigkeit und Augenhöhe statt aus Distanz erwächst. Der perfekte Ort dafür ist die Probe.