Stille als fotografisches Prinzip

Die folgenden Texte sind essayistische Reflexionen aus meiner künstlerischen Praxis.

Kennen Sie Dr. Murke? In der Erzählung Dr. Murkes gesammeltes Schweigen von Heinrich Böll arbeitet ein Radioredakteur, dessen Aufgabe darin besteht, Tonbandaufnahmen zu schneiden. Während andere Stimmen montieren und Sendungen produzieren, sammelt Murke etwas anderes: Die Passagen, in denen niemand spricht. Er schneidet sie heraus, bewahrt sie auf und hört sie sich zu Hause an.

Böll kommentierte diese Obsession später in einem Interview: Wer den ganzen Tag von (mehr oder weniger sinnvollem) Gerede umgeben ist, entwickelt irgendwann eine Sehnsucht nach Schweigen.

Murkes Sammlung wirkt zunächst wie eine literarische Pointe und kann als erzählerischer Konterpart zum geschwätzigen Professor Bur – Malottke gelesen werden. Tatsächlich offenbart sie ein für uns alle geltendes Wahrnehmungsmuster: Das wo gesprochen, gehandelt oder gespielt wird hat Bedeutung. Das Schweigen erscheint dagegen als Leerstelle.  Murke begnügt sich jedoch nicht damit, zufällige Pausen zu sammeln. Am Ende der Erzählung lässt er sogar seine Freundin schweigen, um dieses Schweigen auf Band aufzunehmen. Die Stille wird damit selbst zum Gegenstand der Aufmerksamkeit.

Trifft Fotografie auf Musik, entsteht daraus ein Paradox.

Musik entfaltet sich im Verlauf der Zeit, Fotografie ist die Unterbrechung des Flusses. Wenn Fotografie einen Moment aus einem kontinuierlichen Prozess isoliert und die Aufmerksamkeit auf Zustände richtet, die im Fluss der Aufführung kaum sichtbar werden,  ist dieser Moment  zwar kurz – bekommt durch die Fotografie aber eine vom Betrachter bestimmte Dauer.  Egal wie laut sich der vorherige und der nachfolgende Moment artikulieren mögen – in der Fotografie herrscht für einen Augenblick Schweigen. Seine Dauer bestimmen wir selbst.

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Präsenz.

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Storytelling in der Orchesterfotografie – Wenn Bilder beginnen, Musik zu sprechen