Präsenz.

Die folgenden Texte sind essayistische Reflexionen aus meiner künstlerischen Praxis.

Ich beschäftige mich nicht allzu sehr mit anderen Fotograf:innen – und das hat seinen Grund. Als ich vor 20 Jahren Jazz studierte, holte mein E-Bassprofessor, Schamane und Freund von Jaco Pastorius, bei jeder Gelegenheit seine Weisheiten hervor und wiederholte sie sowohl mit Eindringlichkeit als auch mit Augenzwinkern so oft, dass man ihm einen eigenen Essay widmen könnte.

Einer seiner Lieblingssätze lautete:
„Wenn du Solieren lernen willst, orientiere dich nicht an anderen Bassisten. Orientiere dich an Saxophonisten – die können das besser.“

Ein zweiter Rat war ebenso prägend:
„Soliere nie für dich, sondern für das Stück.“

Zweiteres war wesentlich schwieriger zu bewerkstelligen – schließlich war man gerade dabei, die Welt musikalisch aus den Angeln zu heben.

Mein Professor war ein Charismatiker, und seine Aussagen haben sich tief eingeprägt. Ihm war alles Belanglose zuwider, insbesondere in der Musik, und er schloss sich Adornos Ansicht an, dass Jazz – obgleich ursprünglich als revolutionär gedacht – durch seine Standardisierung den Hörer in eine passive Rolle drängen kann.

Auch wenn ich heute keine Musik mehr mache, habe ich das Gefühl, dass seine bei den Studenten bis zum Überdruss wiederholten Ratschläge – die bisweilen als Schrulligkeiten aufgenommen wurden – mehr waren als bloße Merksätze für junge Jazzmusiker. Sie gingen weit über das Instrument hinaus – sogar über die Musik, wie ich erst Jahre später bemerkte.

Das Solo schafft Präsenz.

So wie Jazzmusiker:innen seit jeher versuchen, mit einem Solo einem Stück oberhalb der Akkordefolge und jenseits der bekannten Melodie zu einer gegenwärtigen Präsenz zu verhelfen  ist mein Ziel,  eine visuelle Präsenz zu schaffen – oder zumindest dem, was man unter visueller Präsenz versteht, näher zu kommen.

Deshalb greife ich eher zu Büchern von Caravaggio oder Francis Bacon als zu Fotobüchern. Meine Fotografien ähneln weder Caravaggio noch Bacon; mein Ziel ist nicht, ihren Stil zu kopieren. Vielmehr setzen sich beim Betrachten dieser Werke Gedanken und Vorstellungen frei, die beim Betrachten anderer Fotografien – so sehr ich viele Fotografien von anderen Fotograf:innen liebe – oft ausbleiben.

Caravaggio interessiert mich wegen seiner radikalen Konzentration auf Licht, Körper und Handlung. Bei Bacon wird der menschliche Körper selbst zum Ort von Spannung.

Caravaggio schafft Präsenz, indem er buchstäblich vieles im Dunklen lässt; Bacon verdichtet den Körper, verzerrt ihn und macht ihn selbst zum Träger der Spannung. Auch wenn Jahrhunderte zwischen den beiden Künstlern liegen, sind beide auf ihrem Gebiet Meister visueller Präsenz. Die Vorgehensweise, sich an großen Künstlern anderer Disziplinen zu orientieren, ähnelt durchaus der Praxis, Saxophon-Soli zu transkribieren.

Malerei kann Präsenz gestalten – Fotografie muss sie finden

Malerei und Fotografie sind eng verwandte Kunstformen. Doch Fotografie ist, bei all ihren Möglichkeiten, ein äußerst beschränktes Medium. Ihre Beschränktheit ist nicht technischer Natur und liegt weder an mangelnder Fantasie noch an fehlender Experimentierfreude. Sie liegt vielmehr in der Beschaffenheit ihres Gegenstandes.

Maler sind frei, Körper, Spannung und Licht so einzusetzen, dass eine Form von Präsenz entsteht. Fotografie hingegen muss sie in der Wirklichkeit entdecken. Gerade deshalb wird der Ort entscheidend, an dem fotografiert wird.

Die Orchesterprobe ist – durch das Fehlen der Inszenierung und vieler Konzertkonventionen – tatsächlich ein Raum, in dem eine andere, vielleicht sogar stärkere Präsenz der Musiker:innen sichtbar werden kann. Nicht weil mehr passiert als im Konzert, sondern weil weniger verborgen bleibt.

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Was Orchesterfotografie zeigt — und was sie zeigen könnte.

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Stille als fotografisches Prinzip