Orchesterproben, Watzlawick und der Geist in der Flasche.

Den Satz, dass man Musik nicht nur hören, sondern auch sehen solle, schiebt man Strawinsky zu.  Egal wer dies gesagt hat – mit Sicherheit hat er oder sie damit nicht gemeint, dass man immer das gleiche Stück zu sehen bekommen soll.  Etwas provokant formuliert: Es gibt für Probenfotos keine Regeln, aber alle halten sich daran.

Warum das so ist, lässt sich vielleicht mit einem Begriff aus der Organisationsforschung betrachten, der Pfadabhängigkeit. Sowohl das Wort „Pfad“ als auch das Wort „Abhängigkeit“ lassen auf wenig Freiraum schließen.  Gemeint ist damit das Phänomen, dass einmal etablierte Lösungen immer wieder übernommen werden - nicht unbedingt, weil sie die besten sind, sondern weil sie sich durchgesetzt haben:  Was sich einmal als übliche Lösung etabliert hat, wird zur naheliegenden Lösung für das nächste Mal – und mit jeder Wiederholung selbstverständlicher. Das heißt nicht, dass eine bestimmte Bildsprache falsch wäre – aber ihre ständige Wiederholung eines wenig erzählenden Sujets lässt nur wenige Vorstellungen davon entstehen, wie die Arbeitswelt eines Orchesters aussehen könnte. Nun kann man argumentieren, dass sich Bewährtes deshalb durchgesetzt hat, weil es eben funktioniert. Aber für wen?

Sie kennen doch bestimmt die Geschichte vom Mann, der in der Dunkelheit seinen verlorenen Schlüssel sucht – und zwar dort, wo dieser gar nicht sein kann, der Mann sich mit der Suche aufgrund der hellen Laterne aber leichter tut. Erzählt wird die Geschichte von Paul Watzlawick in „Anleitung zum Unglücklichsein“, eine Geschichte, die so absurd ist, dass man sie als Witz erzählen könnte. 

Natürlich ist der Vergleich zur Probenfotografie von Orchestern despektierlich, weil er von Dummheit handelt. Aber ist es nicht dumm, das Medium Fotografie nicht so zu nutzen, dass es Menschen außerhalb der Bubble zumindest die Möglichkeit gibt, daran anzudocken?  Hat sich jemand die Mühe gemacht zu fragen, inwieweit eine bestimmte Bildsprache bei wem zu welcher Resonanz führt? Anders gefragt: Macht man sich die Mühe, im Dunklen zu suchen?

Watzlawick nennt dieses Suchen im Hellen ein „Mehr desselben“.  Auf die Probenfotografie angewandt ist es ein Überschwemmen mit den immer gleichen Probenfotografien mit der immer gleichen Aussage: Wir proben. Sofern es überhaupt Interessenten für solche Bilder gibt, dann mit Sicherheit nur im Lichtkegel. 

Ein aktuelleres Beispiel dafür, dass die Fotografie von Orchesterproben ihre Möglichkeiten nicht ausschöpft, ja sogar gegen die eigenen Interessen arbeitet, liefert der Systemische Unternehmensberater Heiko Rössel unter Bezugnahme auf die Luhmann´sche Systemtheorie. Kurz zusammen gefasst: Es geht um einen Denkfehler.

Rössel nimmt als Beispiel dafür, dass Institutionen oder Orchester sich in einem geschlossenen System befinden, den Geist in der Flasche. In seinem Beispiel handelt es sich um einen freundlichen Geist, der seine Außenwelt durchaus beobachtet, die Flasche aber nicht verlassen kann und somit Entscheidungen nur innerhalb der Flasche und ohne Einmischung von außen trifft – wie in jedem geschlossenen System.

Nun denken Institutionen und/oder Orchester, dass sie die Flasche öffnen, wenn sie Orchester bei der Probe zeigen, aber das stimmt nicht – zumindest dann nicht, wenn die Fotografien nicht den Unterschied machen, der einen Unterschied macht, wenn sie nur auf triviale Weise das bestätigen, was man ohnehin schon weiß oder zu wissen glaubt.  Und wenn das Bild keinen Unterschied macht, welchen Grund soll es geben, es anzusehen geschweige denn seine Information oder seine Atmosphäre in sich aufzunehmen?

Dennoch hält man an dem Glauben fest, dass Bilder, die wie aus einer von Heinz von Förster konstruierten Trivialen Maschine stammen, Menschen außerhalb der Flasche erreichen. Warum?

Auch darauf liefert Rössl eine Antwort: Selbstbeobachtung, genauer gesagt: Fehlende Selbstbeobachtung. Sehr wohl beobachtet der Geist, dass Authentizität ein Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung sein kann, sehr wohl beobachtet er auch, dass  veröffentlichter Content zu positiven Reaktionen führt. Was er nicht beobachtet, da er die Flasche nicht verlassen kann ist, dass sich positive Reaktionen ausschließlich aus dem geschlossenen System, dem Inneren der Flasche speisen. Das Echo hallt von den Flaschenwänden zurück, nichts desto trotz nimmt man die Reaktionen als Beweis für eine funktionierende visuelle Kommunikation wahr. Erreicht man damit jemandem außerhalb der Flasche? Ich bezweifle es.  

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Worum es mir nicht geht.