Hat die Klassik Angst vor Bedeutungsverlust?
Egal durch welche Stadt ich spaziere: Im Jahr 2026 zeigt die klassisch - kulturelle Werbewelt, beginnend bei zwergstaatlichen Litfaßsäulen und endend bei kontinentalen Hyperscreens ein mehr oder minder einheitliches Bild: Ein Symphoniekonzert handelt von Geigen und einem Dirigenten oder einer Dirigentin. Aus marketingtechnischer Sicht ist das durchaus verständlich: Diese Eindeutigkeit erfüllt eine wichtige Funktion: Sie schafft Orientierung, reduziert Komplexität und stellt sicher, dass das Gezeigte sofort als „klassische Musik“ erkannt wird – liefert aber je nach Vorwissen unterschiedliche, bisweilen widersprüchliche Ergebnisse.
Bei allen aktuell empirisch untersuchten Erkenntnissen über die Wirkung von Bildern ist es interessant – vielleicht auch notwendig - auf die Gedanken aus einer Zeit zurück zu greifen, in denen auch Mahler und Strauss neue Maßstäbe setzten:
Gustav Theodor Fechner war der Begründer der experimentellen Ästhetik und produzierte bereits im 19.Jahrhundert mit seinem Buch „Die Vorschule der Ästhetik“ nicht nur ein grundlegendes Werk über Wahrnehmung, sondern damit auch heftige Gegenwehr: Sein Ansatz: Schönheit, und somit die Bedeutung und der Wert von Kunst, sollte plötzlich nicht mehr von Literaten oder Philosophen definiert werden, sondern von Jedermann, der sich für Kunst interessiert.
Diese Frage, wer darüber entscheidet, was künstlerisch wertvoll ist und was nicht erscheint uns in einer kunstpluralistischen Gesellschaft nicht mehr relevant. Schließlich gibt es so viele kulturelle Sparten und Nischen, dass jeder und jede in den Genuss derjenigen Kunst kommen kann, von der er sich angesprochen und in der er sich verstanden fühlt. In Wirklichkeit aber beinhaltet Fechners Ansatz einen aktuellen und nach wie vor radikalen Ansatz: Die Unterscheidung zwischen Bedeutung (was Fechner als Ästhetik von oben nach unten bezeichnet) und Inhalt. Was das mit Konzertplakaten zu tun hat? Und gar mit der Angst vor Bedeutungsverlust?
Fechner argumentiert, dass eine Kunstbetrachtung, die sich aus festgeschriebenen Normen speist anstatt beim unmittelbaren Empfinden des Betrachters anzusetzen, nicht als Einladung, sondern als Exekutivorgan funktioniert. Dies trifft bei klassischer Musik vor allem auf Menschen zu, die in der Klassik eine Kunstform sehen, die einer gewissen Vorbildung bedarf und die - aus verschiedenen Gründen die wohl schlimmste Annahme - als elitäre Musik zu betrachten ist.
Konzertplakate schaffen keine Bedeutung aus Inhalt. Das Sujet, die Farben, die Pose erfordern, dass Betrachter die Akzeptanz einer Ästhetik von oben bereits mitbringen. Da das Bild selbst keine Bedeutung schafft, entsteht diese erst durch die Anwendung kultureller Codes wie „große Kunst“: Wer die Codes kennt, sieht tatsächlich große Kunst. Wer sie nicht mitbringt, sieht vor allem Oberfläche – eine Oberfläche, die dazu dient, Bedeutung abzusichern, anstatt sie entstehen zu lassen: Die Bildsprache vermittelt keine künstlerische Relevanz, keine Aufregung, keine Spannung, kein „das will ich hören“. Sie lässt kaum Raum für eigene Wahrnehmung – und damit auch kaum Raum für die Erfahrung, Bedeutung selbst zu entwickeln. Vielmehr wirkt sie wie ein Sicherheitsnetz, gedacht für diejenigen, die bereits oben sind, anstatt denjenigen, die erst hinaufwollen, einen Klettergurt in die Hand zu drücken. Dabei wären Einstiegshilfen ins Konzert das Gebot der ersten Stunde: Änderungen im Musikgeschmack, so Melanie Wald – Fuhrmann, Direktorin des Max Planck Instituts für empirische Ästhetik, entstehen nämlich vornehmlich durch das Live – Erlebnis.
Ich selbst bin Klassikliebhaber nicht wegen, sondern trotz der visuellen Kommunikation. Diese Barriere zu überwinden hat mich einiges an Energie gekostet. Deshalb liegt für mich genau hier der Punkt, an dem eine andere Form der Bildsprache ansetzen kann. Nicht, indem sie Bedeutung verweigert, sondern indem sie sie nicht vollständig vorgibt.
Die Fotografie von Orchesterproben ist einer der Wege, um Bedeutung neu zu schaffen: Hier gibt es keine festgelegte Dramaturgie, keinen Applaus, keinen eindeutig lesbaren Höhepunkt. Stattdessen entsteht Musik bei aller Klarheit des Geschehens in Situationen, die sich einer eindeutigen Codierung entziehen. Die zentrale Frage lautet also: Verliert die Klassik an Bedeutung, wenn sie nicht mehr eindeutig gelesen werden kann – oder entsteht sie gerade dort neu?